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Editorial 05/2000 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Wolfgang Aistleitner   

Unsere Richterzeitung - ein bißchen anders

Am neunten und an den darauffolgenden Tagen beschloss der Herr, der Einsamkeit unter den Menschen vorzubeugen. Er erschuf die Kommunikationsmittel. Zunächst eines der - wie er glaubte - einfacheren Art: die Zeitung. Dann nahm er sich der Freizeitgestaltung an: er erschuf das Vereinswesen. Als sich der Mensch immer mehr von der Natur entfernte und damit (Ein-)schlafstörungen epidemisch um sich griffen, erbarmte sich der Herr (wieder einmal) unser: er erschuf die Vereinszeitung.

Die Richterzeitung also eine Schlaftablette (wenn auch ohne Ablaufdatum und nicht rezeptpflichtig)? Gewiss nicht, aber auch nicht gerade ein Vitaminstoß. Am ehesten ein Fünf-Uhr-Tee, bereitet nach altbewährter Art des Hauses.

Wir wollen nicht die Essenz ändern, wohl aber die Ingredienzien bereichern. Was also soll die Richterzeitung künftig (noch) können?

Im Kern geht es darum, die Richterzeitung als justizpolitisches Diskussionsforum zu etablieren und sie mit eben diesem Segment nach außen zu öffnen.

Das will heißen: in diesem (justizpolitischen) Teil soll - nein: wird! - der Funke von außen auf uns überspringen! Andere schreiben über uns - Gastkommentare also. Wer könnten denn die anderen - exemplarisch - sein? Politiker etwa, die für eine bestimmte Position stehen, naheliegend die Justizsprecher der Parlamentsparteien, Professoren, Repräsentanten kirchlicher Institutionen, Rechtsanwälte, Journalisten…

So ersuchten wir nicht von ungefähr für die erste Nummer der neuen Richterzeitung den (ersten) Parlamentspräsidenten dieser Republik; nicht zuletzt auch deshalb, weil er sich schon mehrmals pointiert zu Justizthemen äußerte.

Da wir im Regelfall solche Kommentatoren bevorzugen werden, die der Justiz notorisch - wenn auch nur punktuell - kritisch gegenüber stehen, sollte die Dynamik dieses justizpolitischen Forums gesichert sein. Und es darf nicht Utopie bleiben, daß dies maßgeblich von der Kollegenschaft mitgeprägt werden wird. Mediale Reaktionen auf Gastkommentare werden mehr denn je gefragt sein. Leserbriefe - Kontrapunkte - Erwiderungen - oder wie immer ein medialer Diskurs betitelt werden mag. Argumente lassen sich nun mal am besten an Gegenargumenten schärfen. Oder sie taugen eben nur wenig.

Standespolitik - punktgenau, aus erster Hand und ohne Scheu - wird es weiterhin vor allem im editorial geben.

Die wissenschaftliche Abteilung wird ebenso geöffnet bleiben.

Der Informationsteil wird Rechtsprechung widergeben, auf Veranstaltungstermine hinweisen, den Pressespiegel enthalten, Bücher besprechen, sich aber auch der Personalia annehmen. Im Rechtsprechungsteil werden wir - wie schon in den letzten Nummern - trachten, aktueller und schneller als bisher zu publizieren; in Zeiten des Redesign können die Entscheidungsgründe kürzer gefaßt werden; umso mehr Leitsätze mit schlagwortartiger Begründung können wiedergegeben werden.

Auf das "äußere Auftreten" der neuen Richterzeitung wurde nicht vergessen. Ein neues Lay-out (auf dem Titelblatt), dessen expressive bildnerische Gestaltung zur Reflexion über Inhalt und Konsequenzen rechtsprechender Tätigkeit nachgerade zwingt. Das ganz Besondere daran: eine Richteramtsanwärterin - zudem ausgebildete akademische Malerin - entwarf dieses Bild (siehe auch ihre Vorstellung dazu im Blattinneren). So farbharmonisch, klarsichtig und unverschnörkelt können (werdende) Richterseelen sein!

In dem Zusammenhang zur Klarstellung: die österreichische Richterzeitung ist weiterhin gemeinsames (mediales) Organ der Vereinigung der österreichischen Richter und der Vereinigung der österreichischen Staatsanwälte.

Schließlich soll es - wenn auch nicht regelmäßig - ein bißchen was für jene geben, die (zumindest manchmal, aber auch dann nur klammheimlich) von der Relativität unserer Tätigkeit überzeugt sind (spaßhalber freilich nur); auf der Seite ioci causa. Karikaturen, Anekdoten, Denksport…

Die neue Richterzeitung: nach außen offener, nach innen motivierender - lassen wir uns auf diesen Versuch ein!

 
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